Schamanisches Arbeiten mit Traumata
Schamanische Arbeit ist die älteste Form menschlicher Heil‑ und Bewusstseinsarbeit. In vielen Kulturen entstand sie aus der Notwendigkeit heraus, mit extremen Erfahrungen wie Verlust, Gewalt, Krankheit oder existenzieller Bedrohung umzugehen – also mit dem, was wir heute als Trauma bezeichnen würden. Core‑Schamanismus greift diese universellen Elemente auf und macht sie in einer zeitgemäßen, kulturübergreifenden Form zugänglich.
Im Zentrum steht die Erfahrung von Kraft und Verbundenheit. Traumatische Erfahrungen gehen fast immer mit Abspaltung, Isolation und einem tiefen Gefühl von Einsamkeit einher. Schamanische Arbeit setzt genau hier an. Durch veränderte Bewusstseinszustände – meist unterstützt durch Trommelrhythmen oder Rasseln – wird der Zugang zu unterstützenden Kräften möglich, die im Schamanismus als Spirits oder Verbündete bezeichnet werden. Diese werden nicht als Glaubensfiguren verstanden, sondern als unmittelbar erfahrbare Kräfte von Schutz, Orientierung und Halt.
In der Traumaarbeit bedeutet das: Der Mensch muss dem inneren Erleben nicht mehr allein begegnen. Die Verbündeten sind mit dabei. Sie geben Rückhalt, wo das Nervensystem sonst in Überforderung, Erstarrung oder Dissoziation kippen würde. Allein diese Erfahrung – nicht allein zu sein – kann bereits tief regulierend wirken und eine neue innere Sicherheit entstehen lassen.
Ein zentrales Element schamanischer Traumaarbeit ist die Arbeit mit abgespaltenen Anteilen. Was in der modernen Traumatherapie als Dissoziation oder abgespaltene Persönlichkeitsanteile beschrieben wird, wird im Schamanismus als Verlust von Seelenanteilen verstanden. Bei überwältigenden Ereignissen bleibt ein Teil des Erlebens – ein Teil der Lebenskraft – an der Stelle des Traumas gebunden. Die schamanische Seelenrückholung zielt darauf ab, diese Anteile behutsam zurückzuholen und wieder zu integrieren.
Diese Arbeit geschieht in einem achtsamen, schützenden Rahmen. Ziel ist nicht, das Trauma erneut zu durchleben, sondern dem inneren System das zurückzugeben, was damals nicht verfügbar war: Schutz, Halt und Kraft. Dadurch kann sich etwas lösen, das auf rein kognitiver Ebene oft nicht erreichbar ist.
Darüber hinaus eröffnet schamanische Arbeit eine besondere Tiefe im systemischen Feld. In schamanischen Reisen können auch generationenübergreifende Dynamiken erfahrbar werden – Bindungen, Loyalitäten oder traumatische Prägungen, die weit über die eigene Biografie hinausreichen. Diese Form des Arbeitens kann dort wirksam werden, wo klassische systemische Ansätze an Grenzen stoßen, weil in der „nicht alltäglichen Wirklichkeit“ Informationen zugänglich werden, die sich in der „alltäglichen Wirklichkeit“ nicht so ohne weiteres erschließen.
Mit schamanischerArbeit kann das Gefühl von Verbundenheit wieder hergestellt werden: mit sich selbst, verlorenen Anteilen, den Ahninnen und Ahnen, mit unterstützenden Kräften jenseits des isolierten Ichs und nicht zuletzt auch mit der Gemeinschaft in der „alltäglichen Wirklichkeit“ in der wir leben.
Aus dieser Rückverbindung entsteht Lebenskraft, innere Stabilität und oft ein neues Gefühl von Sinn und Zugehörigkeit.

