1. Home
  2. Sucht & Trauma

Sucht & Trauma

Sucht, Trauma und der Weg der Genesung

Geht es darum sich gut zu fühlen oder darum, wirklich zu genesen?

Dies ist aus meiner Sicht die alles entscheidende Frage.

Wenn wir süchtig ausagieren, fühlt es sich in dem Moment oft besser an. Eine Beziehung, die uns belebt, uns Sinn gibt, Verbindung verspricht – zumindest zu Beginn. Bis wir dann merken, dass die andere Person wieder mal auf irgendeine Weise nicht verfügbar ist.
Sucht hat viele Gesichter: Übermäßiges Arbeiten, das uns Lob und Anerkennung verspricht, zwanghaftes „sich um andere Kümmern“, Essen, Konsumieren, im Internet daddeln, Sport treiben…. nicht nur Alkohol und Drogen können abhängig machen vom nächsten „sich für eine Weil gut fühlen“.

All diese Aktivitäten können kurzfristig lindern, beruhigen, betäuben oder stabilisieren. Und genau darin liegt der Sog Süchten – auch von prozessgebundenen Süchten. Sie wirken unauffällig, sind sozial akzeptiert und lange Zeit scheinbar hilfreich. Doch irgendwann bricht der alte Schmerz wieder durch.
Manchmal leise. Manchmal mit voller Wucht, manchmal scheinbar aus dem Nichts.

Deshalb müssen sich genesende Süchtige immer wieder die Frage nach der zugrundeliegenden Motivation stellen: Geht es mir jetzt grade darum, mich besser zu fühlen oder will ich wirklich genesen?

Wenn Trauma spürbar wird

Viele Menschen erleben erst Jahre oder Jahrzehnte nach belastenden oder überwältigenden Erfahrungen, wie sehr diese ihr Leben geprägt haben. Solange Dissoziation, Anpassung oder Funktionieren möglich sind, scheint alles „irgendwie zu gehen“. Doch wenn diese Schutzmechanismen brüchig werden – durch Lebensumbrüche, Verluste, Krankheit oder auch durch Abstinenz –, treten die Folgen von Traumata oft erst richtig zutage.
Trauma bedeutet nicht immer, dass „etwas ganz Schlimmes passiert ist“.
Trauma kann daraus entstehen, dass etwas zu viel, zu schnell oder zu lange zu wenig war – und wir damit allein gewesen und geblieben sind.
Die Folgen zeigen sich im Körper, im Nervensystem, in Beziehungen und im Selbstbild. Unruhe, Leere, Scham, innere Getriebenheit oder Erstarrung sind keine Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck eines Wesens, das versucht hat zu überleben.

Sucht als Lösungsversuch

Aus dieser Perspektive ist süchtiges Ausagieren kein moralisches Versagen und kein Mangel an Willenskraft. Es ist ein intelligenter, wenn auch langfristig schmerzhafter Versuch, mit innerem Schmerz, Überforderung oder Einsamkeit umzugehen.
Besonders bei prozessgebundenen Süchten – wie Beziehungssucht, Arbeitssucht, Konsum-, Spiel-, Internet- oder Mediensucht – bleibt dieser Zusammenhang oft lange unsichtbar. Sie werden gesellschaftlich bagatellisiert und sind medizinisch noch nicht klar eingeordnet. Für die Betroffenen jedoch sind sie oft mindestens ebenso leidvoll und existenziell bedrohlich wie stoffgebundene Süchte.

Is it about feeling good or getting well?

In den 12-Schritte-Programmen gibt es diese Frage, die viele Menschen durch ihre Genesung begleitet:
Geht es darum, sich gut zu fühlen – oder darum, wirklich zu genesen?
Der Weg aus Sucht und Trauma fühlt sich zunächst oft gar nicht gut an:
Heftige Entzugssymptome treten bei prozessgebundenen Süchten ebenso auf wie man es von Alkohol und Drogen kennt. Abstinenz, das Durchbrechen von Dissoziation, das Wieder-Spüren von Gefühlen – all das kann extrem schmerzhaft, verwirrend und erschütternd sein. Gerade in den ersten Jahren der Genesung erleben viele Menschen eine Zeit, die alles andere als leicht ist.

Und dann berichten langzeitgenesende Menschen immer wieder von etwas anderem:
von einem inneren Frieden, der nicht von äußeren Umständen abhängt.
Von einer Ruhe, die nicht betäubt ist. Von wirklicher Freude am Leben.
Von einem Leben, das sich getragen anfühlt – auch mit Schmerz.

Wachstum nach dem Trauma

Der KZ-Überlebende Logotherapeut Viktor Frankl spricht von „posttraumatischem Wachstum„, indem er betont, dass Menschen trotz extremen Leids im KZ Sinn finden und eine sinnvolle Haltung einnehmen können, was zu einer Art Wachstum über das Trauma hinaus führt. Dieser Begriff hat mich in meiner eigenen Genesung neugierig gemacht und unterstützt.
Ich sage in meinem Ruhrpott-Slang gerne: „Et is nix so blöd, datt et nich für irgendwatt gut is.“

Peter A. Levine, der Begründer der körperorientierten Traumatherapie Somatic Experiencing® beschreibt in seiner bemerkenswerten Autobiographie „Lernen, den Tiger zu reiten“ wie die traumatischen Erfahrungen seiner Kindheit und das Streben nach Heilung dieser schweren Traumata zur Entwicklung dieser einfach großartigen, innovativen und weltweit anerkannten Methode zur Trauma-Heilung beitrugen.
Peter A. Levine geht davon aus, dass Heilungsprozesse nicht durch Verstehen allein geschehen, sondern durch schrittweises Wiederverbinden – mit dem eigenen Körper, mit inneren Anteilen und mit dem Leben selbst.

Auch schamanische Arbeit kennt diese Bewegung: Wenn verlorene Seelenanteile zurückkehren, wenn Verbindung wiederhergestellt wird, ist das oft zunächst schmerzhaft. Doch in einem geschützten Raum – getragen von Gemeinschaft, Ritual und unterstützenden Kräften – wird das Integrieren und Fühlen wieder möglich, ohne überwältigend zu sein.

Die Kraft der Gemeinschaft

Genesung geschieht selten allein. Ob in 12-Schritte-Gruppen, in therapeutischen Settings, in schamanischer Praxis oder in traumasensiblen Gruppenformaten: Gemeinschaft trägt.
Viele Prozesse werden erst möglich, wenn wir nicht mehr isoliert sind. Wenn wir gehalten, gesehen und mitfühlend begleitet werden. Wenn wir spüren, dass wir mit unseren inneren Kämpfen nicht allein sind.

Auch einfache Werkzeuge – wie sie etwa in EmotionAid vermittelt werden – können in Gruppen viel bewirken. Sie ermöglichen Regulation, Orientierung und Verbindung, gerade dort, wo intensive Einzeltherapie (noch) nicht möglich ist.

Worum es mir geht

Mir geht es also nicht darum, dass sich alles schnell wieder gut anfühlt.
Mir geht es darum, dass Menschen die Möglichkeit bekommen, wirklich zu genesen – im Sinne von ganzer, verbundener, lebendiger werden.
Dass sie ihren eigenen Lebensentwurf wieder spüren und leben können.
Dass sie aus der Isolation in Verbundenheit kommen – zu einer wie auch immer erfahrenen „Höheren Kraft“, zu sich selbst, zu anderen, zur Natur und zum Leben.

Der Weg dorthin ist selten leicht. Aber er ist möglich.
Und er kann und muss nicht allein gegangen werden.